ESSAY ZUR ARBEITSETHIK
(Erschienen in Spiegel Online am 1.4.2002)
Enron oder
die Macht der Visionen Von Ulrich Renz
Wer Leistung
fordert, muss Sinn bieten. Im entfesselten globalen Wettbewerb geben sich die
Konzerne als Sinn stiftende Institutionen, die dem entwurzelten Individuum
Geborgenheit und Lebenszweck versprechen. Je mehr der Geist der Firmen von der
Mechanik der Geldvermehrung geprägt wird, desto menschlicher wird ihr
Antlitz.
»Wir wollen eine Umgebung schaffen, die von
Würde und gegenseitigem Respekt geprägt ist. Andere behandeln wir so,
wie wir selbst behandelt werden wollen. In unserer Zusammenarbeit ... sind wir
offen, ehrlich und aufrichtig«
Haben wir hier die Satzung
des internationalen Pfadfinderbundes vor uns? Ein Traktat einer pietistischen
Erweckungsbewegung? Nein. Die schönen Worte stammen aus dem letzten
Jahresbericht des amerikanischen Energiekonzerns Enron, Kapitel »Unsere
Werte«. Hier, ein paar Seiten nach den »Financial
Highlights«, dürfen wir einen Blick in die Seele des Unternehmens
tun. Wir lernen eine Belegschaft kennen, die auf dem Urgrund
unumstößlicher menschlicher Werte steht, und von da aus
tagtäglich aufbricht, »um über den Horizont
hinauszuschießen«, wie sich Firmenchef Kenneth Lay, den sie auch
den »Magier« nannten, gerne ausdrückte.
Enron ist
nicht die erste Firma, die erkannt hat, dass Mitarbeiter ihre Arbeit nicht als
bloßen Broterwerb sehen wollen, sondern als Aufgabe mit tieferer
Bedeutung. Nicht nur das Konto, sondern auch die Seele soll glücklich
werden. So ist das Motto: »Wer Leistung fordert, muss Sinn bieten«
schon länger zum obersten Grundsatz moderner Mitarbeiterführung
aufgestiegen. Kaum eine Firma von Rang und Namen, die nicht ein »Mission
Statement« erstellt hätte, eine Art feierliche Selbstverpflichtung
auf gemeinsame ethische Grundsätze. Wo Firmen früher schlicht einem
»Geschäftszweck« nachgingen, haben sie heute eine Sendung. Die
Belegschaft wird zu einer großen Glaubensgemeinschaft
zusammengeschweißt, die freudig erregt den »Visionen« der
Geschäftsleitung folgen soll.
Ein Begriff mit Sex Appeal
Wie bitte - Visionen? Waren das nicht diese übersinnlichen
Erscheinungen, von denen einstmals Heilige, Häretiker und Hippies
heimgesucht wurden? Heute ist »Vision« ein Begriff mit Sex Appeal,
der gerade von den als besonders rational geltenden Managern gerne im Munde
geführt wird. Visionen an die Untergebenen zu vermitteln ist nun ihre
wichtigste Aufgabe. So regnet es in Seminaren, Klausuren, Workshops,
Motivationswochenenden, Trainingscentern und Incentive-Veranstaltungen Visionen
wie Manna vom Himmel. Als »Visionär« zu gelten ist für
eine Führungskraft das höchste Kompliment, der »Mangel an
Visionen« ein Kündigungsgrund.
Glauben macht nun einmal
selig. Und diese Glaubensseligkeit soll auch dem Kunden zuteil werden. Aus
Hochglanz-Anzeigen und Fernsehspots schwappt uns neuerdings eine Flut von
Sinnsprüchen entgegen, mit denen die Firmen uns von ihrem höheren
Daseinszweck überzeugen wollen: »The Power of Dreams.«
(Honda), »The Future. Together. Now.« (Axa), »Making the
world a better place...« (Ford). Wem liefe bei so einer frohen Botschaft
nicht ein heiliger Schauer über den Rücken? Fast wundert man sich,
dass die früher so viel kritisierten »Multis« noch nicht
Gemeinnützigkeitsstatus beantragt haben.
Die
»Kommunikations«-Abteilungen der Konzerne sorgen dafür, dass
wir Firmen nicht mehr als banale Subjekte des Wirtschaftslebens auffassen,
sondern als in höheren Sphären beheimatete Wesenheiten, die Heil und
Zukunft der Menschheit hüten und befördern. Geschäftsberichte
lesen sich heute wie Erbauungsliteratur des 19. Jahrhunderts. Von
»Shareholder-Value«, von den Firmen noch vor wenigen Jahren
lautstark als oberstes Firmenziel verkündet, ist heute nur noch in dem
Kapitel »Investor Relations« die Rede. Für die breiteren
Schichten setzt man jedoch ganz auf die Programmatik der großen
Emotionen. So mutierte John Lennons Lied »Imagine«, die
Sehnsuchtsmelodie einer ganzen Generation auf der Suche nach spiritueller
Wahrheit, zur Erkennungsmelodie eines Energieunternehmens. Eines Atomkonzerns,
wenn man es genau nimmt, aber was tut das zur Sache, solange das
»Feeling« stimmt...
Firmen sind die neuen Kirchen
Firmen sind die neuen Kirchen. Hier werden wir, als Mitarbeiter wie als
Kunden, mit einem höheren Daseinszweck versorgt, mit Sinn und
Leidenschaft. Wir dürfen uns einem größeren Ganzen
zugehörig fühlen, das einem gemeinsamen guten Ziel dient, angeleitet
von verantwortungsvollen Führungskräften, die uns mit ihren Visionen
den Weg weisen. Die Sorge um die Seele, früher Sache von Kirche und
Familie, ist auf die Firmen übergegangen.
Interessanterweise kommt
die weiche Welle gerade jetzt über uns, da die Zeiten härter werden.
Im entfesselten globalen Wettbewerb wird der Faktor Arbeit vom Faktor Kapital
verdrängt, was Arbeitnehmer sehr konkret zu spüren bekommen: Weniger
Arbeitsplatzsicherheit, höhere Arbeitsbelastung, sinkende Realeinkommen.
Während wir etwas verängstigt dieser »Purifizierung des
Kapitalismus« beiwohnen, findet nun vor unseren Augen diese wunderbare
Metamorphose statt. Gerade wo die Forderungen der Unternehmen nach Abbau
gesetzlicher Entlassungshemmnisse immer aggressiver werden, sehen sich
Belegschaften immer häufiger als »Gemeinde« angesprochen. Je
mehr der Geist der Firmen de facto von der Mechanik der Geldvermehrung
geprägt wird, desto menschlicher wird ihr Antlitz.
It's the
Profit, Stupid! Aber schreien wir nicht allzu voreilig Verrat. Sind es
nicht wir selber, die sich den Bären aufbinden lassen? Natürlich
wissen wir - und nicht erst seit der Enron-Pleite - dass die von den Firmen
ausgestellten hohen Ideale nichts als eine Selbstvermarktungs-Masche sind.
Natürlich wissen alle Beteiligten, dass es bei der Veranstaltung, die sich
Wirtschaft nennt, am Ende um die Zahl unter dem Strich geht. Und dass auch
keine noch so neue Economy irgendetwas an dieser Spielregel geändert hat.
It's the Profit, Stupid.
Warum wirkt der Zauber trotzdem? Weil der
moderne Mensch, trotz aller Bekenntnisse zu Rationalität und
Diesseitigkeit, weiterhin ein zutiefst irrationales Wesen ist. Und je weiter er
fortschreitet auf seinem Weg der Individualisierung, umso mehr hat er an den
Folgen dieses »Fortschritts« zu tragen. Körper und Geist
jubilieren über die gewonnenen Freiheiten, aber die Seele ächzt unter
der Vereinzelung. Zwischenmenschliche Beziehungen, ob in Familie oder
Nachbarschaft, sind immer weniger verlässlich, Traditionen, Kirche und
Religion geben keinen Halt mehr. Der moderne Mensch hat Haus und Hof verlassen
und muss nun als »spirituell Obdachloser« um einen Platz in der
Welt kämpfen.
Nur noch in unseren Rollen als Produzenten und
Konsumenten haben wir sicheres Terrain unter den Füßen. Einen
letzten Rückzugsort, in den wir dann auch noch unsere innigsten
Sehnsüchte reinpacken - nach Liebe, Sinn und höherer Berufung.
Begierig wollen wir uns mit unserer Arbeit »identifizieren«, mit
Haut und Haar in ihr aufgehen und sind nur zu gerne bereit, Zweifel am tieferen
Sinn des ganzen Gerennes zurückzustellen. Lieber verklären wir das
Ziel und rennen weiter.
Was wäre, wenn wir anhalten
würden? Was wäre, wenn wir anhalten würden? Vielleicht
würden wir nie wieder los rennen wollen? Vielleicht würden wir
anfangen zu staunen über die Leichtfertigkeit, mit der wir die Ziele
irgendwelcher »Visionäre« und »Magier« zu den
eigenen Lebenszielen gemacht haben. Vielleicht würde uns die Ahnung
streifen, dass wir mit unserem Engagement für die Firma nicht
zwangsläufig die Menschheit erlöst, sondern schlichtweg etwas
verkauft haben - darunter möglicherweise sogar so manches
Überflüssige. Vielleicht würde uns ein Schmunzeln befallen
über die Tragikomik, mit der der moderne Sinnsucher sich eine
humanitäre Mission vorspiegeln lässt, wo der Auftrag schlicht
»mehr Kohle« heißt...
Und vielleicht würden wir
am Ende von Herzen lachen, wenn wieder einmal die Karawane der Visionäre
los zieht - in ihre nächste »New Economy«, zur nächsten
»globalen Herausforderung« zum höheren Wohl der Menschheit.
Wir würden womöglich noch ein bisschen winken, und uns dann unserer
eigenen Reise zuwenden - unseren vielleicht etwas verwirrenden und
vielstimmigen, vielleicht nicht einmal besonders spektakulären, aber
dafür echten, ja... Visionen.
Ulrich Renz, Jahrgang 1960,
ist Arzt und Ex-Manager eines deutschen Medienkonzerns. Seit 1998 ist
er freier Schriftsteller. Weitere Informationen über den Autor finden Sie unter www.ulrichrenz.de
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