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Wie viel Arbeit braucht der Mensch? - Ein Vorwort

»Wir werden nicht sterben, dazu sind wir viel zu beschäftigt.«
Viviane Forrester


Über 80 Prozent der Deutschen sehen in der Arbeitslosigkeit weiterhin das größte politische Problem. Ob BILD-Zeitung oder FAZ, ob Fernsehen oder Radio – überall geht es um Arbeitsplätze und die Frage, wie man Menschen wieder in Lohn und Brot bringen kann, wie man Stellen für sie schaffen oder sie jedenfalls irgendwie beschäftigen kann.
      Das vorliegende Buch verfolgt ein anderes Ziel. Es geht um unser ganz persönliches Verhältnis zur Arbeit. Und hier begegnen wir zwar auch den mit Arbeitslosigkeit verbundenen Problemen. Allzu oft aber macht uns eine ganz andere Schwierigkeit zu schaffen: nämlich die, dass wir uns vor Arbeit gar nicht mehr retten können. Stress und Überarbeitung scheinen für viele Menschen zum modernen Leben zu gehören wie der Kühlschrank und der Fernsehapparat. Wir fühlen uns wie Sklaven, dabei schwingen wir häufig selbst die Peitsche. Wir selbst laden uns immer neue Lasten auf die Schultern und wünschen uns gleichzeitig sehnlichst, aus der Mühle herauszukommen.
      Um dieses Leiden an der Arbeit geht es in diesem Buch – ein Leiden, das auch uns Autoren in unserem Berufsleben begleitet hat. Den einen in der Rolle des gestressten Arztes, den anderen in der des rastlosen Machers und Managers. Wir haben in diesen Rollen zwar üppige Gagen an Sozialprestige und Geld eingestrichen, aber eben auch die Erfahrung gemacht, dass das Leben in vielerlei Hinsicht ärmer wird, wenn wir 70 Stunden in der Woche arbeiten. Immer öfter hatten wir mit dem Gefühl zu tun, dass das Leben an uns vorbeiläuft – gerade wenn die Arbeit bestens läuft. Und zunehmend wurden wir unserer eigenen Manie bewusst, jede Stunde und Minute des Tages mit nutzbringenden Aktivitäten voll zu stopfen. Uns pausenlos zu beschäftigen, zu machen, zu tun und effizient zu sein, immer mit wichtiger Arbeit befasst, die ständig wichtiger ist als alles andere, was das Leben sonst zu bieten hat. So raste die Zeit in konzentrierter Bewusstlosigkeit dahin, während uns nach und nach die Weite des Lebens verloren ging.
      Immer öfter gingen uns Fragen durch den Kopf. Haben wir uns unser Leben eigentlich so vorgestellt? Was haben beruflicher Erfolg und Erfolg im Leben – unser Lebensglück also – überhaupt miteinander zu tun? Warum gilt unser Fleiß vielen Mitmenschen als vorbildlich? Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Arbeit für uns Menschen so wichtig geworden ist? Wie geht es weiter? Und vor allem: Was können wir für uns selber ändern? Kann ein Leben mit weniger Arbeit funktionieren? Wie viel Arbeit tut uns gut?
      All diesen Fragen spürt dieses Buch nach. Es geht dem Verhältnis von Mensch und Arbeit auf den Grund, in der Geschichte, der Gesellschaft, der Politik – vor allem aber in uns Menschen selber.
      Wir sprechen von unseren eigenen erträumten und durchlebten Karrieren und davon, wie irgendwann unser erfülltes Berufsleben uns unser eigenes Leben hat vermissen lassen. Nach diesem Blick hinter die Kulissen des Arbeitsheldentums nehmen wir uns eine Frage vor, die auf den ersten Blick simpel erscheint, es aber in sich hat: Was bindet den Menschen denn, abgesehen vom schlichten Broterwerb, an die Arbeit? Arbeiten wir, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, oder ist uns die Arbeit selbst ein Bedürfnis? Was macht die Erwerbsarbeit so attraktiv? So attraktiv sogar, dass der Profi zum Helden unserer Zeit geworden ist?
      Einem Helden allerdings, der sich bei näherem Hinschauen als ziemlich tragische Figur entpuppt. Häufig ist seine Arbeit zum Lebensersatz geworden. Die Verheißung von Glückseligkeit durch Leistung und Erfolg, der er so willig folgt, erweist sich als Fata Morgana. Der Preis des Erfolgs ist nur allzu oft ein verpatztes Leben. Diese Schattenseiten der Arbeit werden in unserem kollektiven Bewusstsein gern verdrängt. Begriffe wie Karriere und Aufstieg strahlen weiterhin eine geradezu magische Kraft aus.
      Dass Arbeit jedoch nicht zu allen Zeiten so hoch geschätzt wurde, zeigt uns ein Spaziergang durch die Geschichte, auf dem wir der »Tellerwäscher-Karriere« der Arbeit nachgehen. Wir verfolgen ihren unaufhaltsamen Aufstieg von einem notwendigen Übel, dem sich die jeweiligen Eliten über Jahrtausende nach Möglichkeit fern hielten, bis hin zum neuzeitlichen »Beruf«, der scheinbar unersetzlichen Sinnmitte des gesellschaftlichen und individuellen Lebens. Diese Verknüpfung von Beruf und Lebenssinn erweist sich gerade heute jedoch als schweres Erbe. Immer mehr Menschen stehen buchstäblich vor dem Nichts, weil ihre Arbeitskraft zunehmend weniger gebraucht wird. Und diese Entwicklung wird sich noch verschärfen. Denn was wir derzeit an Rationalisierungen erleben, ist nur die Spitze des Eisbergs – allerdings mitnichten als Ausdruck einer Krise, sondern im Gegenteil als Zeichen des gesunden Erfolgs unseres Wirtschaftssystems: Mit immer weniger Arbeit wird immer mehr Reichtum erwirtschaftet. Grund zum Jubeln? Solange Arbeit der Daseinszweck und Lebensinhalt der Menschen ist, ist dies eine Katastrophe.
      Aber können wir das Wenigerwerden von Arbeit nicht auch als Chance begreifen? Die derzeitige Politik scheint weit davon entfernt zu sein. Eine heilige Allianz von Politikern jedweder Couleur, Arbeitgebern und Gewerkschaften versucht mit immer verzweifelteren Mitteln, die sterbende Arbeit am Leben zu erhalten. Milliarden werden für unrentable Arbeitsplätze und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aller Art eingesetzt, die die Menschen zu schlecht bezahlter und stumpfsinniger Arbeit nötigen. Die Menschen sollen (und wollen) um jeden Preis in Stellung gebracht werden – und wenn dabei die Dienstbotengesellschaft des 19. Jahrhunderts aufersteht. Wir scheinen mehr Mühe und Intelligenz darauf zu verwenden, Arbeit zu schaffen, als darauf, uns ein weniger von Arbeit bestimmtes Leben zu ermöglichen …
      Es ist allerdings nicht unser Anliegen, politische Lösungen feilzubieten. Nicht nur, weil sinnvolle Vorschläge zu einem Bündnis für weniger Arbeit von anderer Seite längst gemacht wurden, sondern vor allem aus der Überzeugung heraus, dass politische Veränderungen erst dann möglich sind, wenn sich die Einstellungen der Menschen geändert haben. Die verzweifelten Versuche, die Arbeitsgesellschaft zu retten, sind ja nicht etwa ein Fehler der Politik, sondern die konsequente Umsetzung des Wählerauftrages, in dem sich die ungebrochene Wertschätzung der Arbeit in unserer Gesellschaft ausdrückt.
      Natürlich müssen wir alle von etwas leben. Wir wissen durchaus, dass es sich nicht alle Menschen leisten können, beruflich kürzer zu treten. Eine allein erziehende Mutter von drei Kindern hat in aller Regel keine andere Wahl als zu arbeiten, um finanziell durchzukommen. Aber der Arbeitswahn grassiert gerade unter den Wohlhabenden, die sich ein geruhsameres Leben am ehesten leisten könnten. Wie wir leben, hat nicht nur mit äußeren Zwängen zu tun, sondern viel mehr noch mit unseren Lebenseinstellungen, den Prioritäten, die wir setzen. Letztlich damit, wie wir leben wollen.
      Obwohl der Arbeitswahn ja bisher meist eine männliche Erkrankung ist, richtet sich dieses Buch auch an Frauen. Wir wollen dabei jedoch ein Missverständnis erst gar nicht aufkommen lassen: Wenn wir die Ausbreitung des Arbeitswahns auf das weibliche Geschlecht kritisieren, möchten wir nicht die Emanzipation in Frage stellen. Wir wollen weder Mann noch Frau irgendwohin zurückschicken, auch nicht an den Herd. Aber unsere Zweifel, ob ein Platz auf einem Bürodrehstuhl tatsächlich die in ihn gesetzten Erwartungen von Glück und Selbstverwirklichung erfüllen kann, machen auch an den Geschlechtergrenzen nicht Halt.
      Selbstverständlich wollen wir Arbeit nicht pauschal schlecht machen oder rationieren. Jeder muss sein eigenes Maß finden. Wer wollte etwas gegen die Besessenheit eines Jean François Champollion bei der Entzifferung der Hieroglyphen sagen? Gegen Mutter Teresa bei ihrer Arbeit in Kalkutta? Beruf kann Berufung sein, auch heute noch. Aber wer in seiner Arbeit seinen Lebenssinn gefunden hat, genießt ein sehr seltenes Glück. Und vermutlich wird er dieses Buch sowieso nicht lesen. – Den meisten unserer Leser wird es dagegen nicht anders gehen als den Autoren: Sie sind dabei, ihr Verhältnis zur Arbeit grundsätzlich zu überdenken. Sie wollen sich aufmachen, andere Welten zu entdecken. Welten, die nichts mit immer mehr Status, Kaufkraft und Einfluss zu tun haben, sondern mit den eigenen Vorstellungen von einem guten Leben. Wir möchten unsere Leser verführen und anstiften, sich auf diese Entdeckungsreise zu machen.
      Eine, allerdings imaginäre, Reise werden auch wir zum Schluss des Buches unternehmen. Sie wird uns wegführen von der traurigen Figur des Profis, der sein Leben für die Arbeit geben muss, um sich einen Platz in der Gesellschaft zu sichern. An seiner Stelle begegnen wir längst vergessenen Gestalten, die auf ihre Anerkennung als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft warten: Privatiers, Dilettanten und Müßiggänger. Figuren, die eines gemeinsam haben: dass sie sich nicht in erster Linie als Berufsmenschen verstehen. Die das Leben nicht nur als Wirtschaftsveranstaltung auffassen, sondern als Raum, in dem sie ihre Träume und Utopien verwirklichen können. Die ihr Leben nicht nur nach Effizienz und Nutzen verplanen, sondern offen sind für die Überraschungen des Lebens.
      Dieses Buch möchte Mut machen zu dem Abenteuer, für sich selbst die Karten neu zu mischen, die Grenzen neu abzustecken zwischen dem Reich der Notwendigkeit und dem Reich der Freiheit, des Spiels und der Spontaneität. Mut machen, ein neues Gleichgewicht zu entdecken, zwischen effektivem Tätigsein und der verlorenen Dimension – der Muße.

Tübingen und Lübeck, im Februar 2001





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